Warum muss alles ein Erlebnis sein?

Ein Erlebnis kann man buchen. Eine Erfahrung widerfährt einem.

Es gibt Erlebnisbäder und Erlebnisparks, Erlebnisgastronomie und Erlebnisurlaub, und zum Geburtstag bekommt man einen Erlebnisgutschein. Duschgel verspricht ein Duscherlebnis, Autos ein Fahrerlebnis, die Bank ein Kundenerlebnis. Im Englischen ist daraus längst ein ganzer Beruf geworden: Experience Designer. Fast alles kann heute ein Erlebnis sein … und wenn etwas keines ist, gilt das inzwischen als handwerklicher Fehler.

Praktischerweise hat das Deutsche für die Sache zwei Wörter, wo das Englische nur eines hat. Erlebnis und Erfahrung.

Ein Erlebnis ist punktuell. Es ist intensiv, es gehört mir, ich kann es erzählen, aber nicht weitergeben. In der Erfahrung steckt dagegen das Fahren: durch etwas hindurch. Man kommt anders heraus, als man hineingegangen ist. Walter Benjamin hat daraus in den dreißiger Jahren eine Diagnose gemacht: Wir erleben viel und nehmen wenig mit.

Gadamer hat den schärfsten Satz dazu. Erfahren ist nicht, wer viel gesehen hat. Erfahren ist, wer oft genug danebenlag.

Damit ist das Problem eigentlich beschrieben. Ein Erlebnis soll meine Erwartungen erfüllen. Eine Erfahrung entsteht daraus, dass es das nicht tut.

Man muss nicht weit gehen, um zu sehen, wohin das führt. Laufen ist ungefähr das Einfachste, was ein gesunder Mensch tun kann: Schuhe an, Tür auf, los. Heute gehört dazu eine Uhr, die die eigenen Schlafphasen besser kennt als man selbst, ein Schuh mit Carbonplatte, ein Strava-Account um die Route zu tracken und auf Social-Media zu teilen, ein Running-Club mit Logo, eine Running-Challenge in einer Stadt, in der man sonst nichts zu tun hätte.

Beruflich sehe ich dasselbe von der Bühne aus. Die Veranstaltungen heißen Summit, Forum, irgendwas mit Future. Die Leinwand ist so groß, dass ich davor kaum auffalle. Es gibt einen Intro-Film mit Drohnenaufnahmen, eine Fotowand und einen Jutebeutel mit einem Notizbuch, das nie jemand benutzen wird. Im Zug zurück fragt dann jemand, wie es war, und man sagt sofort: beeindruckend. Und wenn die zweite Frage kommt – worum ging es denn? – braucht man verdächtig lange.

Gerhard Schulze hat das Muster schon 1992 beschrieben: Wo Überfluss herrscht, fragt man nicht mehr, was man braucht, sondern wie es sich anfühlen wird. Und dabei lässt sich immer nur das Äußere arrangieren. Das Programm, die Bühne, die Strecke. Ob mich etwas berührt, kann ich nicht mitbestellen.

Zwei Ökonomen, Pine und Gilmore, haben daraus schon 1998 ein Geschäftsmodell gemacht, und zwar an einer Geburtstagstorte. Die Zutaten kosteten einmal ein paar Cent. Dann kam die Backmischung für ein paar Euro. Dann die fertige Torte vom Bäcker für fünfzehn. Und irgendwann zahlen Eltern hundert Euro und mehr dafür, dass eine Firma den ganzen Geburtstag inszeniert — woraufhin die Torte gratis dazugelegt wird. Nicht wertlos. Nur eben nicht mehr das, wofür bezahlt wurde.

Sobald ein Erlebnis eine Ware ist, muss es gestaltet werden. Was gestaltet wird, muss verlässlich sein. Was verlässlich sein muss, wird gleichförmig. Und so entsteht dieses seltsame Ding: industriell hergestellte Einmaligkeit, garantiert unvergesslich, buchbar bis Freitag.

Der unangenehme Teil ist ein struktureller. Besonders ist nichts für sich, sondern nur im Verhältnis. Eine Feier ist aufgeladen, weil die meisten Tage keine Feiern sind. Wenn alles besonders wird, ist am Ende nichts mehr besonders.

Und es fällt genau das hinten runter, was sich als Erlebnis gar nicht haben lässt. Können entsteht aus Wiederholung, die lange schlecht aussieht. Ein guter Gedanke ist langweilig, bevor er interessant wird. Freundschaft besteht zu großen Teilen aus Anwesenheit ohne Anlass.

Nichts davon würde eine Bewertung nach zwanzig Minuten überstehen. Es ist trotzdem der Teil, aus dem ein Leben besteht.

Möglicherweise ist die Antwort deshalb einfacher, als die Frage klingt. Nicht immer dem nächsten Erlebnis hinterher. Nicht größer, mehr, weiter, nicht ständig danebenhalten, was andere gerade erleben. Sondern die kleinen Dinge wieder gelten lassen: ein Kaffee oder Tee am Morgen, ein Spaziergang ohne Ziel…

Ich weiß, das klingt wie ein Spruch auf einer Postkarte. Ich meine es trotzdem so.

Ein Erlebnis will immer größer werden.

Ein guter Tag darf einfach ein guter Tag sein.