Ein paar Tage Schweiz. Und viele Gedanken für die Rückfahrt 🇨🇭

Bern

Gerade sitze ich im Zug Richtung Basel. Von dort geht es später wieder zurück nach Hamburg.

Wenn ich auf die letzten Tage zurückblicke, dann denke ich gar nicht zuerst an Basel, Bern, Thun oder Zürich.

Ich denke an die Menschen.

Ein ganz besonderer Dank geht an Elena, Mitglied im Rotaract Club Bern, die mich die letzten Tage so herzlich aufgenommen hat. Kennengelernt haben wir uns beim Rotaract SpeakUP Wettbewerb und wieder einmal zeigt sich für mich, was für ein besonderes Netzwerk Rotaract ist. Aus einer Begegnung bei einem Wettbewerb wurde echte Gastfreundschaft in einem anderen Land.

Danke, Elena, für die Offenheit, die vielen schönen Gespräche und dafür, dass ich die Schweiz ein Stück weit aus der Perspektive einer Einheimischen erleben durfte.

Ebenso gefreut habe ich mich über das Wiedersehen mit Citrupa, den ich bei meiner Reise nach Lissabon in diesem Jahr kennengelernt habe. Ursprünglich kommt er aus Indien und lebt inzwischen seit einigen Jahren in der Nähe von Zürich. Gemeinsam sind wir durch Zürich gelaufen und haben über unsere unterschiedlichen Lebenswege, Kulturen und Zukunftspläne gesprochen. Genau solche Begegnungen zeigen mir immer wieder, wie bereichernd Reisen sein können. Menschen, die man irgendwo auf der Welt kennenlernt, werden plötzlich Jahre später Teil einer Reise in einem ganz anderen Land.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Grund, warum ich so gerne reise.

Mich interessieren nicht nur Sehenswürdigkeiten. Mich interessieren vor allem die Menschen & Geschichten. Die Frage, warum Gesellschaften so funktionieren, wie sie funktionieren. Und welche Ideen man am Ende mit nach Hause nimmt.

Natürlich reichen ein paar Tage nicht aus, um ein Land wirklich zu verstehen. Aber manchmal reichen schon wenige Tage, um neue Perspektiven zu gewinnen oder die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen.

Mich hat die Schweiz auf vielen Ebenen beeindruckt.

Da ist diese beeindruckende Natur. Die Aare in Bern, der Thunersee, der Rhein in Basel, der Zürichsee und überall das Bergpanorama im Hintergrund. Man ist innerhalb kürzester Zeit am Wasser oder mitten im Grünen. Alles wirkt ruhig, gepflegt und entschleunigt. Ich kann gut verstehen, warum viele Menschen hier eine so hohe Lebensqualität empfinden. Lebensqualität entsteht eben nicht nur durch Einkommen, sondern auch durch derartige Orte, an denen man Kraft tanken kann.

Beeindruckt haben mich aber genauso die Menschen. Ob bei Elena und ihrer Familie, bei Citrupa in Zürich oder bei vielen spontanen Begegnungen unterwegs, ich habe unglaublich viel Herzlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft erlebt. Gerade diese menschlichen Begegnungen sind es, die mir von einer Reise am längsten in Erinnerung bleiben.

Und dann beginnt man automatisch zu beobachten.

Jeder Zug und jeder Bus, den ich genutzt habe, war auf die Minute pünktlich. Die Städte wirkten sauber und gut organisiert. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass viele Menschen ein großes Vertrauen in ihre Institutionen und ihr politisches System haben.

Besonders spannend fand ich deshalb die Gespräche über die direkte Demokratie.

Ich hatte mich schon vor meiner Reise mit dem politischen System der Schweiz beschäftigt. Vor Ort wurde mir aber erst bewusst, wie sehr politische Strukturen das Denken einer Gesellschaft prägen können.

Die Schweiz ist stark föderal organisiert. Viele Entscheidungen werden bewusst möglichst nah an den Bürgerinnen und Bürgern getroffen – auf Gemeinde- oder Kantonsebene. Gleichzeitig können die Menschen durch Volksinitiativen und Referenden regelmäßig direkt über politische Fragen abstimmen und sind damit nicht nur alle vier oder fünf Jahre bei Wahlen gefragt.

Spannend finde ich auch den Aufbau des Parlaments. Im Nationalrat richtet sich die Anzahl der Sitze nach der Bevölkerungsgröße der Kantone. Im Ständerat hingegen zählt jeder Kanton nahezu gleich viel: Jeder Vollkanton entsendet zwei Vertreter, unabhängig davon, ob dort knapp 40.000 oder über 1,5 Millionen Menschen leben. Dadurch erhalten auch kleinere Kantone ein starkes politisches Gewicht und die Interessen der verschiedenen Regionen werden bewusst ausgeglichen.

Natürlich bringt auch dieses System Herausforderungen mit sich und lässt sich nicht einfach auf andere Länder übertragen. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass genau diese Form der Mitbestimmung und der starke Föderalismus das Vertrauen vieler Menschen in ihre Institutionen stärken. Wenn man erlebt, dass die eigene Stimme tatsächlich Einfluss haben kann und politische Entscheidungen nicht ausschließlich in der Hauptstadt getroffen werden, entwickelt man vielleicht auch ein anderes Verhältnis zu Politik und Staat.

Ob das der einzige Grund für das hohe Vertrauen in der Schweiz ist? Sicher nicht. Aber nach vielen Gesprächen hatte ich das Gefühl, dass die politische Kultur, die Bereitschaft zum Kompromiss und die direkte Beteiligung der Bevölkerung einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Genau diese Verbindung zwischen politischen Strukturen und gesellschaftlichem Vertrauen fand ich besonders spannend.

Ein zweiter Gedanke hat mich während der Reise immer wieder beschäftigt: Eigenverantwortung.

Dieses Prinzip begegnet einem in der Schweiz an vielen Stellen. Ein kleines Beispiel ist das Müllsystem. In vielen Gemeinden wird der Hausmüll über offizielle, gebührenpflichtige Kehrichtsäcke entsorgt. Wer mehr Müll produziert, kauft mehr Säcke und trägt damit auch höhere Entsorgungskosten. Das schafft einen direkten Anreiz, Müll zu vermeiden und Wertstoffe sauber zu trennen.

Ähnlich spannend finde ich die Krankenversicherung. Jede Person ist verpflichtet, krankenversichert zu sein. Gleichzeitig wählt man eine sogenannte „Franchise“, also den Betrag, den man pro Jahr zunächst selbst für Behandlungskosten übernimmt, bevor die Versicherung einspringt. Wer eine höhere Franchise wählt, zahlt niedrigere monatliche Prämien, übernimmt im Krankheitsfall aber zunächst mehr Verantwortung selbst.

Natürlich ist auch dieses System nicht perfekt und bringt Herausforderungen mit sich. Trotzdem gefällt mir der Grundgedanke, Menschen mehr Eigenverantwortung zuzutrauen.

Denn ich frage mich schon manchmal, ob wir in Deutschland an manchen Stellen ein Stück weit verlernt haben, Eigenverantwortung einzufordern. Unsere Notaufnahmen und viele Arztpraxen arbeiten seit Jahren an der Belastungsgrenze. Dafür gibt es viele Ursachen , etwa Personalmangel oder den demografischen Wandel. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass medizinische Leistungen teilweise auch deshalb sehr selbstverständlich in Anspruch genommen werden, weil die unmittelbaren Kosten für den Einzelnen kaum spürbar sind.

Für mich bedeutet das nicht, den Sozialstaat infrage zu stellen. Ich bin überzeugt, dass Solidarität ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft ist. Gleichzeitig glaube ich aber, dass Solidarität und Eigenverantwortung keine Gegensätze sind. Im Gegenteil: Ein starker Sozialstaat funktioniert langfristig nur dann, wenn möglichst viele Menschen Verantwortung für sich selbst und für das Gemeinwesen übernehmen. Genau diese Balance fand ich in der Schweiz besonders spannend.

Ein weiteres Highlight war für mich das Moneyverse in Bern. Eigentlich geht es bei dieser Ausstellung um Geld. Am Ende geht es aber um viel mehr: Vertrauen. Vertrauen in Institutionen, in Stabilität und in die Zukunft. Mir wurde dort noch einmal bewusst, wie eng wirtschaftliche Stärke, politische Kultur und gesellschaftliches Vertrauen miteinander verbunden sind.

Besonders beeindruckt hat mich, wie modern und interaktiv das Ganze gestaltet ist. Statt trockener Information erlebt man viele Inhalte spielerisch und verständlich. Mir wurde erzählt, dass auch regelmäßig Schulklassen eingeladen werden, um sich früh mit Themen wie Geld, Wirtschaft und Finanzbildung auseinanderzusetzen. Genau das finde ich unglaublich wertvoll. Finanzielle Bildung begleitet uns ein Leben lang und trotzdem kommt sie in der Schule oft zu kurz.

Für mich ist das Moneyverse deshalb nicht nur eine spannende Ausstellung, sondern auch ein Beispiel dafür, wie zeitgemäße Wissensvermittlung aussehen kann. Von solchen Angeboten würde ich mir ehrlich gesagt auch in Deutschland mehr wünschen. Und die Ausstellung ist kostenfrei.

Ich komme mit wunderschönen Erinnerungen nach Hause: an das Schwimmen in der Aare, den Thunersee, Basel, Bern und Zürich. Vor allem aber denke ich an die Menschen, die diese Reise so besonders gemacht haben – Elena, Citrupa und viele weitere Begegnungen unterwegs.

Danke, Schweiz. Ich komme wieder.

Jetzt freue ich mich wieder auf das wunderschöne Hamburg.

LG Marlow

PS: Aus aktuellem Anlass

Was mich gerade auch beschäftigt…

Als ich die vergangenen Tage durch die Berner Altstadt gelaufen bin, hingen überall Regenbogenflaggen.

An diesem Wochenende fand dort die BernPride statt. Es war schön zu sehen, wie selbstverständlich Vielfalt dort sichtbar ist.

Umso schockierender war es, wenig später die Nachrichten aus Berlin zu lesen. Wieder ein Anschlag auf den CSD. Ehrlich gesagt hat mich das ziemlich getroffen. Da fragt man sich schon, warum wir solche Nachrichten im Jahr 2026 überhaupt noch lesen müssen. Warum Menschen Angst haben müssen, wenn sie einfach friedlich zusammenkommen, um für Respekt, Vielfalt und ein offenes Miteinander einzustehen.

Gerade deshalb hoffe ich, dass Offenheit, Toleranz und gegenseitiger Respekt stärker bleiben als Hass und Gewalt! Meine Gedanken sind bei allen Betroffenen!