Wir erwarten mehr von der nächsten Generation. Aber geben wir ihr die Voraussetzungen?

Ein Beitrag von Marlow D. Guttmann

Wir wollen produktiver werden. Wir wollen den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken, Innovationen hervorbringen und bei künstlicher Intelligenz mitgestalten. Gleichzeitig lese ich immer wieder Nachrichten, die Zweifel daran wecken, ob wir auf diesem Weg vorankommen. Irgendwann entsteht der Eindruck, dass wir vor allem darüber diskutieren, was Deutschland einmal stark gemacht hat.

Mich beschäftigt dabei eine Frage: Wer soll die Zukunft dieses Landes gestalten, wenn wir die nächste Generation dafür nicht ausreichend stärken?

Die Ergebnisse von PISA 2025 treffen für mich genau diesen wunden Punkt. Sie sind eine Nachricht über unsere Zukunftsfähigkeit. Und ich finde, wir behandeln sie noch immer nicht mit der Konsequenz, die sie verlangt.

Mir passiert zu wenig.

Das heißt nicht, dass niemand handelt. Es heißt, dass ich zwischen der Größe der Herausforderung und der Reichweite unserer Antworten ein Missverhältnis sehe. Wir sprechen über Reformen hier und Anpassungen dort. Gleichzeitig verlieren junge Menschen Lernzeit, die sich nicht beliebig nachholen lässt. Für sie ist ein weiteres Jahr ohne ausreichende Förderung ein Teil ihres Lebens.

Weniger Menschen müssen künftig mehr ermöglichen

Der demografische Wandel steht nicht bevor. Er ist im vollen Gange. Die geburtenstarken Jahrgänge verlassen nach und nach das Erwerbsleben. Die OECD beschreibt für Deutschland, wie die Alterung das Arbeitskräfteangebot verringert und bestehende Engpässe verschärft. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an die Finanzierung von Alterssicherung, Gesundheit und Pflege.

Darauf gibt es mehrere Antworten: bessere Erwerbsmöglichkeiten, qualifizierte Zuwanderung, Weiterbildung, Investitionen und technologischen Fortschritt. Keine davon macht eine gute Bildung der nachrückenden Generation entbehrlich.

Wenn weniger Menschen im Erwerbsalter zur Verfügung stehen, wird umso wichtiger, was sie können und unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Produktivität bedeutet dabei für mich, mit Wissen, geeigneter Technologie und besseren Abläufen mehr zu erreichen. Sie lässt sich nicht dauerhaft dadurch steigern, dass wir Menschen einfach mehr abverlangen.

Der OECD-Wirtschaftsbericht 2025 beschreibt bereits für die Zeit vor Pandemie und Energiekrise eine Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik und des Produktivitätswachstums. Er nennt unter anderem Investitionsschwäche, administrative Hürden und Schwierigkeiten bei der Verbreitung neuer Technologien. Deutschlands wirtschaftliche Probleme lassen sich also keineswegs auf Schulbildung reduzieren.

Aber gerade in dieser Situation brauchen wir junge Menschen, die Zusammenhänge verstehen, Neues lernen und Bestehendes verbessern können.

Stattdessen zeigt PISA 2025: Rund ein Drittel der 15-Jährigen erreicht in Lesen und Mathematik die grundlegende Kompetenzstufe nicht. Rund einem Fünftel fehlen diese Basiskompetenzen in allen drei untersuchten Bereichen. Zugleich ist seit 2015 der Anteil besonders leistungsstarker Jugendlicher gesunken.

Wir erwarten also von einer zahlenmäßig unter Druck geratenden Generation, dass sie große Aufgaben übernimmt, während wir bei einem erheblichen Teil ihre Voraussetzungen dafür nicht sichern. Diesen Widerspruch können wir uns nicht leisten.

Unser Anspruch wächst. Unsere Grundlagen halten nicht Schritt.

Deutschland liegt bei PISA 2025 in den drei Kernbereichen auf OECD-Durchschnittsniveau. Im EU-Vergleich fällt die Einordnung teilweise günstiger aus. Wir stehen nicht überall hinten. Dennoch erreichen die deutschen Ergebnisse ihren bisherigen Tiefstand. Der Blick auf den Durchschnitt darf nicht verdecken, dass wir gegenüber unseren eigenen früheren Leistungen zurückfallen.

Mich beruhigt deshalb nicht, dass andere Länder ebenfalls Schwierigkeiten haben. Für unsere Zukunft ist entscheidend, ob wir die Fähigkeiten entwickeln, die wir benötigen.

Lesen bedeutet, sich Informationen erschließen zu können. Mathematisches Verständnis hilft, Größenordnungen zu prüfen und Behauptungen anhand von Zahlen zu hinterfragen. Naturwissenschaftliches Denken ermöglicht, Belege zu beurteilen und Unsicherheit auszuhalten. Diese Fähigkeiten brauchen wir beim Lernen, im Beruf und als Bürgerinnen und Bürger.

Natürlich bildet PISA Bildung nur teilweise ab. Ein Test mit fünfzehn erfasst weder sämtliche Begabungen noch legt er einen Lebensweg fest. Ich möchte auch keine Generation schlechtreden. Im Gegenteil: Mich ärgert, wie schnell aus der Kritik an Bildungsergebnissen eine Kritik an jungen Menschen wird.

Besonders deutlich wird das beim Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Leistung. Die deutsche PISA-Auswertung zeigt eine ausgeprägte Verbindung zwischen familiären sozioökonomischen Voraussetzungen und naturwissenschaftlicher Kompetenz.

Für mich steckt darin eine grundlegende Frage der Gerechtigkeit: Wie viele Fähigkeiten bleiben unentwickelt, weil Unterstützung davon abhängt, was das Elternhaus leisten kann? Wenn wir Talente dringend brauchen, müssen wir auch bereit sein, sie dort zu fördern, wo ihre Entwicklung mehr Unterstützung verlangt.

KI macht diese Aufgabe noch dringlicher. Sie kann erklären, übersetzen und Zugänge erleichtern. Sie kann aber auch Verständnis vortäuschen, indem sie überzeugende Ergebnisse produziert, die jemand selbst nicht beurteilen kann.

Ein Experiment von Bastani und Kollegen im Mathematikunterricht zeigte genau diese Spannung: Mit KI verbesserten sich zunächst Übungsleistungen. Ohne das Werkzeug schnitt die Gruppe mit weitgehend ungeschütztem KI-Zugang anschließend schlechter ab als die Kontrollgruppe. Eine pädagogisch gestaltete Tutorvariante vermied diesen Nachteil weitgehend.

Eine andere randomisierte Studie fand mit einem gezielt entwickelten KI-Tutor höhere unmittelbare Lernzuwächse als in den untersuchten Hochschulveranstaltungen. Beide Befunde sind kontextgebunden. Zusammen zeigen sie aber, wie entscheidend die Gestaltung ist.

Ich will, dass junge Menschen KI nutzen können, um selbstständiger zu werden. Dafür müssen sie lernen, Ergebnisse zu verstehen und zu hinterfragen. Sonst wächst die Leistungsfähigkeit der Werkzeuge schneller als unsere Fähigkeit, verantwortlich mit ihnen umzugehen.

Mir reicht es nicht, dass etwas auf den Weg gebracht wurde

Mit dem Startchancen-Programm unterstützen Bund und Länder gut 4.000 Schulen; über zehn Jahre sind rund 20 Milliarden Euro vorgesehen. Wissenschaftliche Begleitung und Evaluation gehören dazu. Das ist ein wichtiger Schritt, dessen Wirkung nicht vorschnell beurteilt werden kann.

Trotzdem bleibt meine Position: Mir passiert zu wenig. Für mich müssen grundlegende Veränderungen daran erkennbar werden, dass Unterstützung im Alltag verlässlich ankommt.

Das beginnt vor der Schule. Förderbedarf früh festzustellen muss eine verbindliche Unterstützung auslösen. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission empfiehlt, Diagnose und Förderung basaler sprachlicher und mathematischer Kompetenzen systematisch zu verbinden. Dafür brauchen Einrichtungen qualifiziertes Personal und Zeit. Eine Diagnose ohne anschließende Hilfe verändert keine Bildungschance.

Es bedeutet außerdem, Ressourcen konsequenter nach Bedarf zu verteilen. Schulen mit größeren Herausforderungen benötigen stärkere Unterstützung. Für mich muss die Verantwortung dafür, ob diese Förderung funktioniert, ebenso verbindlich sein wie die Bereitstellung des Geldes.

Und wir brauchen eine Antwort für diejenigen, die bald die Schule verlassen. Regelmäßige, gezielte Lernbegleitung kann helfen: Eine Metaanalyse experimenteller Tutoring-Studien zeigt positive Wirkungen, besonders bei häufigen, in den Schulalltag integrierten Angeboten.

Grundlegender Wandel heißt für mich deshalb auch, Erfolg anders zu beurteilen: Was können Jugendliche anschließend besser? Welche Unterstützung erreicht sie tatsächlich? Wo müssen wir nachsteuern?

Ich glaube nicht, dass Deutschlands Abstieg feststeht. Aber ich halte es für gefährlich, unsere Zukunftsfähigkeit wie einen Besitz zu behandeln, der uns erhalten bleibt. Wir können den Anschluss verlieren, wenn andere ihre Fähigkeiten konsequenter entwickeln und wir uns mit der Verwaltung unserer Probleme begnügen.

Dabei haben junge Menschen einen Anspruch auf gute Bildung, der weit über wirtschaftlichen Nutzen hinausgeht. Sie sollen ihr Leben selbst gestalten können. Gerade deshalb empfinde ich es als ungerecht, ihnen immer größere Erwartungen mitzugeben, ohne ihre Voraussetzungen entsprechend zu stärken.

Wir können von der nächsten Generation nicht verlangen, unsere Zukunft zu sichern, und gleichzeitig hinnehmen, dass wir ihre Chancen nicht ausreichend sichern.

Für mich ist das der eigentliche Auftrag nach PISA. Und er duldet weniger Aufschub, als unsere Debatten vermuten lassen.

Quellen

  1. OECD (2026): PISA 2025 Results, Volume I. Originalbericht und deutsche Teilübersetzung.
  2. ZIB/TUM (2026): Die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 sind da!
  3. BMBFSFJ (2026): PISA 2025: Basiskompetenzen stärken, Bildungschancen verbessern.
  4. OECD (2025): OECD Economic Surveys: Germany 2025. Insbesondere die Kapitel zu Produktivität und Fachkräfteengpässen. Bericht.
  5. Bastani, H. et al. (2025): Generative AI without guardrails can harm learning. PNAS. DOI.
  6. Kestin, G. et al. (2025): AI tutoring outperforms in-class active learning. Scientific Reports. DOI.
  7. BMBFSFJ: Fragen und Antworten zum Startchancen-Programm.
  8. SWK (2022): Basale Kompetenzen vermitteln – Bildungschancen sichern. Perspektiven für die Grundschule.
  9. Nickow, A., Oreopoulos, P. & Quan, V. (2024): The Promise of Tutoring for PreK–12 Learning. American Educational Research Journal. DOI.